
... am Sonntag, dem 16. Mai 2010, wird um 11.30 h im Steinernen Saal des Residenzschlosses Bad Arolsen eine Fotoausstellung mit Fotografien aus den 70er- und 80er-Jahren von Dieter Demme (Erfurt) und pitze Eckart (Kassel) eröffnet. Die Ausstellung wird bis zum 11. Juli in Bad Arolsen gezeigt.
Gemeinsam mit dem Museum Bad Arolsen hat das Museum für Thüringer Volkskunde Erfurt eine neue Ausstellungsreihe mit dem Titel „OstMenschen – WestMenschen“ konzipiert. Gezeigt werden in Bad Arolsen, Gera, Groß-Gerau und Erfurt Aufnahmen aus der im Jahre 2009 im Museum für Thüringer Volkskunde Erfurt unter dem Titel „WestMenschen" präsentierten Fotoausstellung von pitze Eckart, ergänzt durch Aufnahmen des ostdeutschen Fotografen Dieter Demme. Die 60 Fotos aus dem privaten Archiv des ostdeutschen Fotografen stehen dabei ebenso vielen Aufnahmen des Westdeutschen pitze Eckart gegenüber. Und das Besondere: Eckarts "Westmenschen" und Demmes "Ostmenschen" sehen sich zum Verwechseln ähnlich. Weder bei der Kleidung noch bei den Frisuren lassen sich eindeutige Unterscheidungsmerkmale ausmachen. Nur an der Marken-Werbung ist der Westen oftmals erkennbar. Diese Verstörung macht die Ausstellung so interessant und geradezu aufklärerisch.
Geboren im Entscheidungsjahr deutscher Zweistaatlichkeit 1949, hat pitze Eckart stets aus der Perspektive seiner westdeutschen Sozialisation heraus sein Alltagsumfeld gesehen und fotografisch dokumentiert. Seine Bilderserien sind Facetten eines Gesellschaftspanoramas der "alten" Bundesrepublik. Motive aus der Bildungsarbeit von Industriegewerkschaften, der Arbeitswelt, von alten Menschen, von Behinderten gehören ebenso dazu wie Szenen aus einem Jugendhaus im nordhessischen Korbach und aus Dörfern der Rhön, wo er zeitweise lebte. Die Fotos weisen immer auch biografische Bezüge auf: Seinen Weg aus kleinbürgerlichen Verhältnissen an die Marburger Universität und direkt hinein in die politische Bewegung der 68er. Politisiert, wach und engagiert musste Eckart seine Motive nicht suchen, musste nicht eintauchen in unbekannte Milieus: Er war selbst Teil des studentischen und politischen Alltags jener Aufbruchszeit der westdeutschen Gesellschaft, in der vieles in Frage und manches auf den Kopf gestellt wurde.
Der in Erfurt lebende Dieter Demme (Jg. 1938) beherrscht die Kunst des Hinschauens genauso pefekt wie das Handwerkliche. Neben seiner beruflichen Tätigkeit als Bildreporter entstand ein privates Archiv zur Alltagskultur. Die Bilder zeigen die Realität hinter den propagandistisch geschönten Kulissen: Porträts, die von hoffnungsvollen Aufbrüchen und gescheiterten Träumen erzählen; Städtebilder, die Provinzialität, Tristesse und zunehmenden Verfall wiedergeben, aber auch die kleinen, unspektakulären Schönheiten und Freuden des Alltags nicht ausblenden. Zahlreiche Aufnahmen belegen den Rückzug vieler Bürger ins Private. Fotos wie diese verkörpern die "andere" Fotografie in der DDR, die es sich im bewussten Gegensatz zur offiziell geforderten Fotoberichterstattung zur Aufgabe machte, kompromisslos festzuhalten, was um sie herum wirklich geschah und die zumeist im Verborgenen gedieh. Jetzt, wo Deutschland des 20. Jahrestages von Mauerfall und Einheit gedenkt, gerät sie verstärkt in den Blickpunkt der Öffentlichkeit.
Die gemeinsame Ausstellung der beiden Fotografen rüttelt an Klischees, mühevoll gezimmerten noch dazu, mit denen wir uns auch heute noch, zwei Jahrzehnte nach der deutschen Wiedervereinigung, für den Alltag wappnen. Klischees, die wir irgendwie als Ballast erleben und trotzdem als Harnisch für unser Selbstwertgefühl mit uns herumschleppen - in West wie Ost!